Gelesene Bücher Dezember 2025

Posted by Björn on 31st Dezember 2025 in Allgemein, Buch

Xueting C. Ni – Sinophagia
Außer einer Story fand ich alle Kurzgeschichten wirklich sehr gut, und die eine die mir nicht so gefiel: Da waren die Namen so ähnlich, dass mich die Handlung eher verwirrt hatte. Reich an chinesischer Kultur enthält die Lektüre interessante Ansichten über das Leben, die Liebe und die Ängste eines Volkes. Die unheimliche Geschichten kriechen unter die Haut unter hinterlassen hier und da ein Gruselgefühl. Die Notizen von Xueting C. Ni nach jeder Geschichte sind aufschlussreich und bringen einen faszinierenden Einblick in die Denkweise. Meiner Ansicht nach eine gelungene Anthologie, die ich sehr empfehlen kann.

Jennifer Dugan – The Girl of her Dreams
Das Buch ist auf den zweiten Blick tiefer als gedacht. Auch wenn die Charaktere teils etwas überzeichnet sind, verbirgt sich hinter jedem Konflikt eine Motivation, die zu einer neuen Hürde in der Geschicht wird. Die Selbstzweifel von Lizzie sind authentisch dargestellt, auch wenn ich denke, dass manche Eloquenz bei ihrem Lebenslauf nicht passt. Die Erzählung selbst ist natürlich typisch Liebesroman, aber sie überzeugt durch Dramatik und den teils egomanischen Zügen reicher Menschen, die nicht viel nachdenken bevor sie handeln.
Ich fand es bis zuletzt unterhaltsam.

Kurt Vonnegut – Die Sirenen des Titan
Dieser Roman ist ein Zeugnis von der Vonneguts Kriegserlebnissen aus der Nazi-Zeit, mit teils absurden bis bizarren Ideen, welche den ironischen Spott von Douglas Adams und dem politischen Kalkül von Terry Pratchett verblassen lassen.
Die Geschichte läuft in einem teils eloquenten, teils neutralen Ton ab; hier und da unterbricht sie sich für Erklärungen oder Erläuterungen. Wie eine Zwiebel schichten sich die Facetten der handelnden Personen um die Kapitel, in denen die Pointen den Zeigefinger heben, nur um dann im nächsten Augenblick die Situation noch kafkaesker zu machen. Die Charaktere sind einzigartig, die Konflikte und Schwächen offenbaren schnell die Unsicherheiten – und türmen sich bei den Lesern schnell als große Fragen des Lebens auf, welche im Roman aufgegriffen werden und im Laufe der Kapitel mal als sinnvoll, sinnlos oder – zwischen den Zeilen – beides beantwortet werden.
Insgesamt ist das Buch meisterhaft erzählt und in Szene gesetzt, definitiv eine Leseempfehlung!

Gillian Flynn – Cry baby
Was für ein Buch! Ich dachte schon mit Seite 107, ich wüsste alles, aber es kamen immer mehr Infos zusammen und erst zum Ende hatten sich die Puzzlestückchen zusammengesetzt. Worte, die nicht nur im übertragenen Sinn unter die Haut gehen, setzen das ganze Geschehen nicht nur plastisch sondern auch psychologisch geschickt in einen festen Rahmen, lassen die Leser erstmal glauben, was die Leser glauben wollen. Die Charaktere sind hervorragend in Szene gesetzt, meisterlich in der Komposition zwischen Motivation und Konflikt, sozialen Umfeld und Maskenspiel.
So geht gute Erzählkunst, absolut empfehlenswert!

Clive Barker – Das Sakrament
Das Buch ist langsam, und eigentlich beginnt es erst so richtig ab der Hälfte. Es ist hier und da etwas obszön, Sex wird zwar nicht großgeschrieben, ist aber ein wesentlicher Faktor der Geschichte. Aber so verschlungen die Erzählung ist, und so viel Worldbuilding in behäbiger Manier aufgebaut wird, so unaufgeregt ist es zwischendurch und kann nur durch interessante Facetten hervorstehen. Haarscharf geb ich der Erzählung ein sehr gut, weil sich zum Ende hin sehr viele Puzzleteile, die ich bislang eher für unwichtig erachtete, zu einem großen Ganzen zusammenbauen. Es gibt ein paar seltsame Logiklücken, und das sprachliche Geschick lässt zu Wünschen übrig – durch die sehr ausschweifende Ader Barkers sehe ich viel Potential, zu kürzen, aber unter dem Strich wären es vielleicht nur 100 Seiten gewesen (von 600). Wirklich hervorragend sind die Charaktere, die das Buch bevölkern, lebhaft und mit eigener Stimme und Motivation die Spannung aufrecht erhalten, wenn auch nur hier und da mit Cliffhangern zum Kapitelende.
Insgesamt ist es eher ein Mystery Buch als ein Horrorbuch.

Marco Harnisch – Vertuscht
Insgesamt ist die Story durchaus gut, und die Charaktere sind gut dargestellt, mit Konflikten und die Motivation, so zu handeln wie sie es tun.
Aber die Erzählung macht leider ein wenig zu oft ein deus ex machina, das die handelnden Charaktere mehr unverdient als erarbeitet eine Lösung vorgesetzt bekommen. Es gibt so gut wie kein Foreshadowing, die Kapitel zerstreuen sich um immer neue Probleme, anstatt bei einem zu bleiben.
Für einen Liebesroman durchaus gut, aber die Handlung bleibt hinter den Erwartungen zurück.

Kat und Steve Nolte – Die Präsenz
Die Erzählung ist eine Mischung aus Pulp und Horror, mit jeder Menge dumme Sprüche. Insgesamt schafft es das Buch nicht ganz ein einheitliche Geschwindigkeit herzustellen, sodass es teilweise langweilig wirkt. Man kann viele Einflüsse darin erkennen, von Raymond Chandler bis HP Lovecraft, Indiana Jones bis Resident Evil, aber leider gibt es mehr Fanservice als eigenständige Konstrukte. Die Sprache selbst ist teilweise sehr gut, wird aber mit jeder Menge dummen Geschwätz bombardiert, die eher die Pulptraditionen bedienen – so wie Quentin Tarantino es teilweise macht. Es mag Coolness ausstrahlen, macht das Buch aber deswegen nicht besser.
Die Charaktere sind gut ausgearbeitet und wirken durchaus lebensecht, insbesondere durch ihr Lokalkolorit aus dem Kölner Raum und dem Ruhrpott. Tillmann und Sarina sind nachvollziehbar aber natürlich sehr film noir und eher darauf getrimmt, Stimmung zu machen, d.h. die Charakterentwicklung ist eher flach als wirklich transformativ.

Octavia E. Butler – Xenogenesis
Dieser Tausendseitenband besteht aus den drei Büchern, in denen jeweils die erste, zweite und dritte Generation einer Xenogenese – dem Austausch mit Aliens und einer neuen Evolution der Menschheit – erzählt wird. Es ist mehr eine Sozialstudie, die in ihren faszinierenden Aspekten psychologische Details zutagefördert, die wir Menschen uns teilweise nicht eingestehen. Obwohl auf großartige Action verzichtet wird, ist die Geschichte vollgepackt mit Konzepten, Ideen und dem „Inneren Konflikt“, der sich über alle drei Bücher erstreckt. Die Sprache und insbesonders die Wortwahl ist in fast schon pathetischen Sinn hervorragend abgestimmt auf die Menschen und die Oankali, dem Alienvolk. Mit feinem Sinn für Details werden die Charaktere fast schon unvergesslich dargestellt. Dass gerade die Menschen tiefstapeln und in ihrem inneren Konflikt hängenbleiben ist wohl die ganze Krux am Buch. Absolute Leseempfehlung.

P. Djèlí Clark – Der Spuk in Luftbahnwagen 015
Mit viel Liebe zum Detail wird die Urban Fantasy (fast schon Steampunk-) Welt in Kairo des Jahres 1912 lebendig. Mit fast schon britischen Charakteren konterkariert der Autor in den zwei Kurzgeschichten eine bestimmte Marke mit dem ägyptische Ministerium für Alchemie, Verzauberungen und übernatürliche Wesen. Natürlich ist er Fan, aber der eigene Twist in seinen Erzählungen (eine Kurzgeschichte, eine Novelle) sind erfrischend anders und par excellence fast schon eine Blutgrätsche gegen die Autorin, die ich hier nur andeute. Gerade im arabischen Raum kenne ich mich nicht gut genug aus, aber dieses kleine Büchlein überzeugt mich vollständig, so dass ich mir unbedingt seinen Debütroman „Meister der Dschinn“ zulegen muss.

Comments are closed.