Gelesene Bücher Februar 2026

Posted by Björn on 2nd März 2026 in Allgemein, Buch

Charlotte Bronte – Jane Eyre
Die Erzählung ist hier und da etwas zäh, aber bleibt mMn interessant und prosaisch. Auch wenn es in der Ich-Perspektive geschrieben ist, wechselt manchmal wortwörtlich der Stil und der Leser wird direkt angesprochen („Reader!“ in meiner englischen Ausgabe), um irgendwas zu erklären. Anfangs leicht dogmatisch wird es später mit dem Missionar St. John sehr anstrengend und ideologisch. Wirklich gut fand ich einzig den Charakter von Jane Eyre. Edward Rochester war ein wenig zu sehr eindimensional, dafür war im letzten Drittel St. John zumindest etwas anspruchsvoller in der Ausgestaltung. Mir haben die prosaischen Elemente sehr gefallen, teilweise durch Janes Hobby, das Zeichnen, teilweise durch die intensiven, aber dunklen Beschreibungen der Landschaft.
Persönlich fand ich das Buch sehr gut und schön.

E. M. Hull – The Sheik
Um eins vorwegzunehmen: Ich hasse dieses Buch. Es mag zwar vor 100 Jahren millionenfach verkauft worden sein, aber für mich funktioniert es einfach nicht. Die Erzählung erfüllt nur ein Wunschdenken und entspricht absolut keiner wahren Tatsache über die islamisch/muslimische Kultur. Außerdem sind Vergewaltigungsfantasien mit Stockholm-Syndrom jetzt nicht das, was ich gern lese. Die Prosa mag zwar okay sein, aber insgesamt sind die Charaktere eher ein Fantasiekonstrukt mit orientalischem Anstrich, und man merkt einfach, dass die Autorin absolut keine Ahnung hat, worüber sie schreibt.

Kim Hye-jin – Die Tochter
Es ist ein bittereres Buch; auf der einen Seite die namenlose Mutter, auf der anderen die Tochter, welche nur durch den Spitznamen Green bekannt ist. Es gibt eine weitere Abstraktionsebene mit Tsen, einer alten demenzkranken Dame, welche die Mutter pflegt und Rain, oftmals nur „das Mädchen“ genannt, der Lebensgefährtin ihrer Tochter. Mir gefällt besonders die unsichtbare Erzählebene dazwischen, die eher mit den Handlungen der Charaktere gefüllt werden. Die Mutter, welche sich sorgt, dass ihre Tochter keine Hilfe im Alter erhält, und Rain, die jederzeit bereit ist, der Mutter ihrer Lebensgefährtin zu helfen. Ein sehr starkes Buch, was in der Stille zwischen den Worten scheint und das Aneinander-vorbeireden deutlich thematisiert. Hoffnungen und Motive werden gegeneinander aufgewogen ohne zu einer eindeutigen Antwort zu kommen. Was auch nicht notwendig ist, denn eigentlich spricht das Ende für sich.

Mira Lindorm – Coralee und Baba Jagas Puppe
Insgesamt ist das Finale der Serie sehr gut. Auch wenn es mit 60 Seiten relativ kurz ist, ist es spannend aufbereitet und kann endlich auch Antworten auf die bisherige Handlung geben. Die Charaktere haben mittlerweile ein deutliches Profil und haben ein würdiges Ende gefunden. Ich hoffe, die Serie kann fortgesetzt werden.

Georgette Heyer – The quiet gentleman
Eine fantastische Geschichte; wenig offensichtliche Romantik, aber viel im Subtext. Eine ordentliche Portion Humor rundet diese Intrigengeschichte gut ab. Die Erzählung ist spannend und unterhaltsam, mit gehobenen Sprachgebrauch und liest sich trotzdem gut. Die Charaktere sind unterhaltsam, und haben alle ihre Ecken und Kanten – auch wenn sie hier und da sehr stereotyp beschrieben werden.
Erfrischend und ein wenig anders, hat mir die Lektüre durchaus gut gefallen.

Betty Neels – Tabitha in Moonlight
Ich fand das Buch insgesamt sehr durchschnittlich, die Erzählung fängt relativ langweilig an, wird aber mit der Zeit besser. Es wirkt hier und da sehr formelhaft, aber das hat auch etwas mit den Vorgaben seitens des Verlegers Mills & Boon zu tun. Die Charakter sind irgendwie auch langweilig, Tabitha wirkt leicht neurotisch, und Marius – der reiche Doktor – sehr einnehmend aber ohne großes Profil. Es werden mMn zu viele Klischees bedient, von Tabithas böser Stiefmutter und Stiefschwester bis Marius „Prince Charming“, der sie hofiert und die Angebetete merkt es einfach nicht.
Das Buch ist einfach 08/15, nichts Großes, nichts Kleines – eine kurzweilige Geschichte zum nachher wieder vergessen.

Frank Lauenroth – Delter
Dieses Buch enthält 17 Kurzgeschichten, mal lustig, mal ernst, mal albern, mal actionreich. Mir hat die Mischung gut gefallen, insgesamt sind alle interessant auch wenn der ein oder andere Twist ein wenig vorhersehbar war. Dass mir wenig dazu einfällt, liegt einfach daran, dass die Geschichten alle unterschiedlich sind und das Buch insgesamt sehr abwechslungsreich wirkt. Lese-Empfehlung!
Meine Top 3 sind: „In dubio pro roboto“, „Tubes Inc.“ und „Laden! Zielen! Feuer!“

Gelesene Bücher Januar 2026

Posted by Björn on 3rd Februar 2026 in Allgemein, Buch

Heather Fawcett – Emily Wildes Atlas der Anderswelten
Mit detektivischem Gespür folgt der Roman Emily Wilde, der Feenforscherin. Es ist etwas trocken, aber durchaus gut geschrieben. Fußnoten durchziehen das Tagebuch, was es teilweise wie ein Ausschnitt einer Wissenschaftsarbeit macht (aber der Absicht der Ich-Erzählerin, Emily Wilde, natürlich entgegenkommt). Insgesamt sind die Charaktere sehr interessant und gegensätzlich gestaltet, was das Buch viel Leben einhaucht und die Konflikte hervorhebt. Dabei bleibt die Sprache zwar durchaus schrullig akademisch, aber insgesamt hebt sich dann die prosaische Seite dann besonders hervor.

Roger Zelazny – Die Chroniken von Amber
Die Amber-Chroniken waren von der Erzählung her oftmals sehr schnell, erst im zweiten Band wird das (teilweise etwas zuviel) reduziert. Insgesamt ist die Handlung mit viel Intrigen zwischen den neun Brüdern und vier Schwestern durchwebt, die um den Thron von Amber kämpfen. Die Erzählung verbirgt oft einige Details, die erst später wieder aufgegriffen werden und nach und nach in ein großes Mosaik geknüpft wird. Insgesamt ist die Serie spannend und actionreich, hat aber auch seine lyrischen und poetischen Momente. Die Charaktere sind sehr gut ausgebaut, und da es viele Intrigen gibt, bleibt mir für die Kürze nur zu schreiben, dass die Konflikte und Motivationen durchaus überzeugend sind. Was mir nicht ganz gefallen hat, war die teilweise in die Länge gezogenen Reisen durch die Schatten, und – womöglich durch die alte Übersetzung – teilweise seltsame Formulierungen, z. B. „Steuerrad“ anstatt „Lenkrad“ im Auto. (Es ist Fantasy, das wird aber erst später im ersten Band klar)

Ray Bradbury – Der Katzenpyjama
Das 180 Seiten umfassende Buch enthält 20 Kurzgeschichten von Ray Bradbury aus allen Epochen seines Schaffens. Mit seinem Humor sind die Geschichten teils kurios, teils ernsthaft; manche sind politisch, wenige sozialkritisch. Die Charaktere sind oft Fokus der Geschichte und die Pointe oft perfekt getroffen. Meine Lieblingsgeschichten waren „Der Katzenpyjama“, „Das Haus“ und „Alle meine Feinde sind tot“. In der ersten geht es um eine Katze, die von zwei Menschen gleichzeitig gefunden wird; in der zweiten um ein altes Haus, das der Ehemann gekauft hat, aber die Ehefrau nicht mag; und in der dritten geht es um einen Menschen, der alle seine Feinde verloren hat.

Eliza Haywood – Fantomina: Love in a Maze
War ich sehr neugierig drauf, weil es ein sehr frühes Werk der Romantik ist. Etwas kurz mit knapp 25 Seiten (es gibt wohl auch Ausgaben mit ein paar Illustrationen), aber für seine Zeit durchaus schon „pornografisch“ – dabei geht es mehr um den sozialen Sprengstoff, den die Autorin durch ihre promiskuitive Protagonistin darstellt. Obwohl Fantomina weiß, dass ihre Liebe nicht erwidert wird, versucht sie es trotzdem. Und besonders das Ende ist für diese Zeit unüblich. Nicht ganz so flüssig zu lesen wie Jane Austen, aber das Frenglisch mag etwas anstrengend sein.
PS: Haywood hatte Crébillon gekannt, sie hatte „The sofa“ ins Englische übersetzt.

Jane Austen – Pride and Prejudice
Perfection.
Sicherlich nicht die Romanitk im heutigen Sinn, aber wie Elisabeth und F. Darcy ein „from enemy to lovers“ werden ist ein toller Lesegenuss. Vielleicht nicht für jeden etwas, weil es viele ausufernde Gespräche und Liebesbekenntnisse gibt, aber es ist teilweise lustig wie Jane Austen ihre Satire der damaligen Zeit umgesetzt hat.

Das Buchjahr 2025

Posted by Björn on 31st Dezember 2025 in Allgemein, Buch

Top 3 Jahresfavoriten 2025:
Sarah Adler – Kann Spuren von Geistern enthalten
Matt Haig – Die Mitternachtsbibliothek
Myra Çakan – Dreimal Proxima Centauri und zurück

Empfehlungen für (angehende) Schriftsteller*innen:
Gillian Flynn – Cry baby
Max Porter – Trauer ist das Ding mit Federn
Ayn Rand – Der Ursprung
Octavia E Butler – Xenogenesis (Trilogie)
Emily St. John Mandel – Das Meer der endlosen Ruhe
Ann Leckie – Der Rabengott

Flop des Jahres 2025:
Thomas Preskett Perst – Varney, der Vampir oder das Fest des Blutes
Lia Nilges – Der Kampf um Frieden

Meine gelesenen Bücher in chronologischer Reihenfolge:
Samantha Harvey – Umlaufbahnen
Herbert W. Franke – Die Kälte des Weltraums
Claudia Winter – Die Wolkenfischerin
Bram Stoker – Dracula (EN)
Catherine Strefford – Nur kurz leben
Maud Woolf – Die 13 Tode der Lulabelle Rock
Nadine Lange – Ein Eis mit Jo
Max Porter – Trauer ist das Ding mit Federn
Karen Tidbeck – Jagannath
Paula Volsky – Das weiße Tribunal
Hugh B. Cave – Murgunstrumm
Nnedi Okorafor – Das Buch des Phönix
Peter S. Beagle – Ich fürchte, ihr habt Drachen
Oliver Plaschka – Das Licht hinter den Wolken
Madeline Miller – Galatea
Emily St. John Mandel – Das Meer der endlosen Ruhe
Edward Ashton – Mickey 7
Margaret Cavendish – Die gleissende Welt
Matt Haig – Die Mitternachtsbibliothek
Hannes Riffel – Vor der Revolution
Gene Wolfe – Der fünfte Kopf des Zerberus
Travis Baldree – Magie und Milchschaum
John Ironmonger – Der Wal und das Ende der Welt
Stephen King – Dead Zone
Suzan Palumbo – Countess (EN)
Elya Adair – Melodie der Asche
Sylvana Freyberg – Die Sterne leuchten am Erdenhimmel
Reda El Arbi – empfindungsfaehig
Artur Kunz – Yelena Gans
Myra Çakan – Dreimal Proxima Centauri und zurück
Arkady Martine – Im Herzen des Imperiums
Jules Verne – Reise zum Mittelpunkt der Erde
Bernhard Kempen – Arkadia
Lennox Lethe – Babywitch
Lennox Lethe – Nekrolog
Algernon Blackwood – Angriff auf die Seele
M. P. Shiel – Die purpurne Wolke
Qiu Miaojin – Aufzeichnungen eines Krokodils
Rebecca Campbell – Arborealität
Thomas Preskett Perst – Varney, der Vampir oder das Fest des Blutes
Ursula K. Le Guin – Die Geißel des Himmels
Joanna Russ – Erwachende Welten: Werke 2
Juri Ilkow – Kontakt mit Übermorgen
Graeme Simsion – Das Rosie-Projekt
William King – Flesh to Shadow (EN)
Catherine Strefford – Welcome to my ghost world
Sarah Adler – Rabenaas
G. Börnsen & A. Kelsner – Raumfragmente
Markus Walther – Beatrice
Markus Walther – Bibliophilix
Sameena Jehanzeb – Frozen, Ghosted, Dead
Sarah Adler – Kann Spuren von Geistern enthalten
H. G. Wells – Die Insel des Dr. Moreau
Michael Marrak – Lex Talionis
Michael Marrak – De Profundis
Lord Dunsany – The King of Elfland’s Daughter (EN)
Tricia Levenseller – The shadows between us (EN)
Mira Lindorm – Coralee und die Mardi Gras Geister
Sameena Jehanzeb – Winterhof
Sameena Jehanzeb – Siebensteinthal
Sophie Edina – Wild Heart beats
Walter Moers – Das Einhörnchen, das rückwärts leben wollte
Samuel R. Delany – Das Einstein-Vermächtnis
Romy Wolf – Die Partitur der Gewalt
Daniel F. Galouye – Simulacron-3
Dr. Rami Kaminski – Wie schön es ist, nicht dazugehören zu müssen
William Kotzwinkle – Dr. Ratte
Ann Leckie – Der Rabengott
Lars Czekalla – Die Klima-Elfe
Michaela Göhr – Andersträumer
Lia Nilges – Der Kampf um Frieden
Dai Sijie – Der kleine Trommler
Mira Lindorm – Coralee und der Kanalligator
Mira Lindorm – Coralee und das Einhorn-Horn
Theresa Hannig – parts per million
Ayn Rand – Der Ursprung
Xueting C. Ni – Sinophagia (EN)
Jennifer Dugan – The girl of her dreams
Kurt Vonnegut – Die Sirenen des Titan
Gillian Flynn – Cry Baby
Clive Barker – Das Sakrament
Marco Harnisch – Vertuscht
Kat & Steve Nolte – Die Präsenz
Octavia E. Butler – Xenogenesis
P. Djèlí Clark – Der Spuk in Luftbahnwagen 015

Gelesene Bücher Dezember 2025

Posted by Björn on 31st Dezember 2025 in Allgemein, Buch

Xueting C. Ni – Sinophagia
Außer einer Story fand ich alle Kurzgeschichten wirklich sehr gut, und die eine die mir nicht so gefiel: Da waren die Namen so ähnlich, dass mich die Handlung eher verwirrt hatte. Reich an chinesischer Kultur enthält die Lektüre interessante Ansichten über das Leben, die Liebe und die Ängste eines Volkes. Die unheimliche Geschichten kriechen unter die Haut unter hinterlassen hier und da ein Gruselgefühl. Die Notizen von Xueting C. Ni nach jeder Geschichte sind aufschlussreich und bringen einen faszinierenden Einblick in die Denkweise. Meiner Ansicht nach eine gelungene Anthologie, die ich sehr empfehlen kann.

Jennifer Dugan – The Girl of her Dreams
Das Buch ist auf den zweiten Blick tiefer als gedacht. Auch wenn die Charaktere teils etwas überzeichnet sind, verbirgt sich hinter jedem Konflikt eine Motivation, die zu einer neuen Hürde in der Geschicht wird. Die Selbstzweifel von Lizzie sind authentisch dargestellt, auch wenn ich denke, dass manche Eloquenz bei ihrem Lebenslauf nicht passt. Die Erzählung selbst ist natürlich typisch Liebesroman, aber sie überzeugt durch Dramatik und den teils egomanischen Zügen reicher Menschen, die nicht viel nachdenken bevor sie handeln.
Ich fand es bis zuletzt unterhaltsam.

Kurt Vonnegut – Die Sirenen des Titan
Dieser Roman ist ein Zeugnis von der Vonneguts Kriegserlebnissen aus der Nazi-Zeit, mit teils absurden bis bizarren Ideen, welche den ironischen Spott von Douglas Adams und dem politischen Kalkül von Terry Pratchett verblassen lassen.
Die Geschichte läuft in einem teils eloquenten, teils neutralen Ton ab; hier und da unterbricht sie sich für Erklärungen oder Erläuterungen. Wie eine Zwiebel schichten sich die Facetten der handelnden Personen um die Kapitel, in denen die Pointen den Zeigefinger heben, nur um dann im nächsten Augenblick die Situation noch kafkaesker zu machen. Die Charaktere sind einzigartig, die Konflikte und Schwächen offenbaren schnell die Unsicherheiten – und türmen sich bei den Lesern schnell als große Fragen des Lebens auf, welche im Roman aufgegriffen werden und im Laufe der Kapitel mal als sinnvoll, sinnlos oder – zwischen den Zeilen – beides beantwortet werden.
Insgesamt ist das Buch meisterhaft erzählt und in Szene gesetzt, definitiv eine Leseempfehlung!

Gillian Flynn – Cry baby
Was für ein Buch! Ich dachte schon mit Seite 107, ich wüsste alles, aber es kamen immer mehr Infos zusammen und erst zum Ende hatten sich die Puzzlestückchen zusammengesetzt. Worte, die nicht nur im übertragenen Sinn unter die Haut gehen, setzen das ganze Geschehen nicht nur plastisch sondern auch psychologisch geschickt in einen festen Rahmen, lassen die Leser erstmal glauben, was die Leser glauben wollen. Die Charaktere sind hervorragend in Szene gesetzt, meisterlich in der Komposition zwischen Motivation und Konflikt, sozialen Umfeld und Maskenspiel.
So geht gute Erzählkunst, absolut empfehlenswert!

Clive Barker – Das Sakrament
Das Buch ist langsam, und eigentlich beginnt es erst so richtig ab der Hälfte. Es ist hier und da etwas obszön, Sex wird zwar nicht großgeschrieben, ist aber ein wesentlicher Faktor der Geschichte. Aber so verschlungen die Erzählung ist, und so viel Worldbuilding in behäbiger Manier aufgebaut wird, so unaufgeregt ist es zwischendurch und kann nur durch interessante Facetten hervorstehen. Haarscharf geb ich der Erzählung ein sehr gut, weil sich zum Ende hin sehr viele Puzzleteile, die ich bislang eher für unwichtig erachtete, zu einem großen Ganzen zusammenbauen. Es gibt ein paar seltsame Logiklücken, und das sprachliche Geschick lässt zu Wünschen übrig – durch die sehr ausschweifende Ader Barkers sehe ich viel Potential, zu kürzen, aber unter dem Strich wären es vielleicht nur 100 Seiten gewesen (von 600). Wirklich hervorragend sind die Charaktere, die das Buch bevölkern, lebhaft und mit eigener Stimme und Motivation die Spannung aufrecht erhalten, wenn auch nur hier und da mit Cliffhangern zum Kapitelende.
Insgesamt ist es eher ein Mystery Buch als ein Horrorbuch.

Marco Harnisch – Vertuscht
Insgesamt ist die Story durchaus gut, und die Charaktere sind gut dargestellt, mit Konflikten und die Motivation, so zu handeln wie sie es tun.
Aber die Erzählung macht leider ein wenig zu oft ein deus ex machina, das die handelnden Charaktere mehr unverdient als erarbeitet eine Lösung vorgesetzt bekommen. Es gibt so gut wie kein Foreshadowing, die Kapitel zerstreuen sich um immer neue Probleme, anstatt bei einem zu bleiben.
Für einen Liebesroman durchaus gut, aber die Handlung bleibt hinter den Erwartungen zurück.

Kat und Steve Nolte – Die Präsenz
Die Erzählung ist eine Mischung aus Pulp und Horror, mit jeder Menge dumme Sprüche. Insgesamt schafft es das Buch nicht ganz ein einheitliche Geschwindigkeit herzustellen, sodass es teilweise langweilig wirkt. Man kann viele Einflüsse darin erkennen, von Raymond Chandler bis HP Lovecraft, Indiana Jones bis Resident Evil, aber leider gibt es mehr Fanservice als eigenständige Konstrukte. Die Sprache selbst ist teilweise sehr gut, wird aber mit jeder Menge dummen Geschwätz bombardiert, die eher die Pulptraditionen bedienen – so wie Quentin Tarantino es teilweise macht. Es mag Coolness ausstrahlen, macht das Buch aber deswegen nicht besser.
Die Charaktere sind gut ausgearbeitet und wirken durchaus lebensecht, insbesondere durch ihr Lokalkolorit aus dem Kölner Raum und dem Ruhrpott. Tillmann und Sarina sind nachvollziehbar aber natürlich sehr film noir und eher darauf getrimmt, Stimmung zu machen, d.h. die Charakterentwicklung ist eher flach als wirklich transformativ.

Octavia E. Butler – Xenogenesis
Dieser Tausendseitenband besteht aus den drei Büchern, in denen jeweils die erste, zweite und dritte Generation einer Xenogenese – dem Austausch mit Aliens und einer neuen Evolution der Menschheit – erzählt wird. Es ist mehr eine Sozialstudie, die in ihren faszinierenden Aspekten psychologische Details zutagefördert, die wir Menschen uns teilweise nicht eingestehen. Obwohl auf großartige Action verzichtet wird, ist die Geschichte vollgepackt mit Konzepten, Ideen und dem „Inneren Konflikt“, der sich über alle drei Bücher erstreckt. Die Sprache und insbesonders die Wortwahl ist in fast schon pathetischen Sinn hervorragend abgestimmt auf die Menschen und die Oankali, dem Alienvolk. Mit feinem Sinn für Details werden die Charaktere fast schon unvergesslich dargestellt. Dass gerade die Menschen tiefstapeln und in ihrem inneren Konflikt hängenbleiben ist wohl die ganze Krux am Buch. Absolute Leseempfehlung.

P. Djèlí Clark – Der Spuk in Luftbahnwagen 015
Mit viel Liebe zum Detail wird die Urban Fantasy (fast schon Steampunk-) Welt in Kairo des Jahres 1912 lebendig. Mit fast schon britischen Charakteren konterkariert der Autor in den zwei Kurzgeschichten eine bestimmte Marke mit dem ägyptische Ministerium für Alchemie, Verzauberungen und übernatürliche Wesen. Natürlich ist er Fan, aber der eigene Twist in seinen Erzählungen (eine Kurzgeschichte, eine Novelle) sind erfrischend anders und par excellence fast schon eine Blutgrätsche gegen die Autorin, die ich hier nur andeute. Gerade im arabischen Raum kenne ich mich nicht gut genug aus, aber dieses kleine Büchlein überzeugt mich vollständig, so dass ich mir unbedingt seinen Debütroman „Meister der Dschinn“ zulegen muss.

Gelesene Bücher November 2025

Posted by Björn on 3rd Dezember 2025 in Allgemein, Buch

Mira Lindorm – Coralee und das Einhorn-Horn
Die Reihe wird zum Ende hin gut. Die Charaktere blühen ein wenig mehr auf, und die Story ist nicht allzu überbordend wie früher. Die Geschichte hat ein wenig mehr Struktur und ist dichter erzählt. Der Weltenbau steht wieder etwas mehr im Fokus. Nicht für jede(n) was, aber irgendwie wurde sie zu meinem Guilty Pleasure.

Theresa Hannig – parts per million
In einem Deutschland der nahen Zukunft angesiedelt schafft es die Erzählung die Leser direkt in den Bann zu schlagen, nicht nur durch aktuelle Thematik der Klimakrise, sondern auch durch die Motivation der Protagonistin (Johanna Stromann). Die Konflikte, die sie durchzustehen hat – und überwindet – sind sehr ausgeprägt und nachvollziehbar. Teilweise hatte ich schlaflose Nächte ob der Ungerechtigkeiten im Buch, aber dafür mehr Schadenfreude wenn es erstmal richtig losgeht.
Aktuell, spannend und kämpferisch hat es zurecht den SERAPH dieses Jahr gewonnen.

Ayn Rand – Der Ursprung
Die Charaktere im Buch mögen etwas ins Extreme gehen, aber so wirkt die Komposition wesentlich Dramatischer. Es ist ein Epos, eine Hymne, ein Ideal, was das Buch repräsentiert und hochhält. Die Erzählung ist nicht nur durchdacht, sie ist stringent und für seine Zeit sogar ziemlich kinky. Das Buch ist eine Vision, setzt Maßstäbe an den Menschen, die man sich als Ideale wünscht, aber in der Wirklichkeit nur selten sieht: Integrität und völlige Unabhängigkeit.
Die Erzählung ist teils sehr langsam und behäbig, aber dafür mit einer Eleganz und Eloquenz behaftet, die nur wenige Autoren beherrschen. Es setzt in seiner Sprache Akzente, die teilweise nur beim bewussten Lesen wirklich hervorstechen – in Dialogen und Beschreibungen. Manche Dialoge sind stakkatoartig, manche ziehen sich in die Länge – je nachdem wer gerade wo mit wem spricht.
Es mag zwar teilweise (insbesonders mit den seltsamen Namen) etwas altbacken wirken, aber es hat tatsächlich in der heutigen Zeit mehr denn je Relevanz.
Insgesamt durchaus ein lesenswertes Buch, auch wenn es sich teilweise etwas gestreckt anfühlt.

Gelesene Bücher Oktober 2025

Posted by Björn on 1st November 2025 in Allgemein, Buch

Romy Wolf – Die Partitur der Gewalt
Die Erzählung ist ein wenig Liebeserklärung an New York in den 1930er Jahren: die Welt ist authentisch und kann die Atmosphäre gut zusammenfassen. Mühelos wirkt die Sprache in den Momenten und Augenblicken, und kann nicht nur die Abgründe der Großen Depression einfangen sondern auch Hoffnung geben, dass doch nicht alles verloren ist. Die Charaktere blenden sich hervorragend in die Geschichte und sind überzeugend geschrieben. Grandiose Partitur der Worte.
Lese-Empfehlung!

Daniel F Galouye – Simulacron-3
Matrix finde ich ja durchaus cool, aber er passt ein wenig besser in unsere Zeit als das (nur halbwegs) zugrundeliegende Buch von Galouye, wo Maschinenschränke ganze Gebäude ausfüllen, Relais klicken, Lampen aufleuchten und Schaltkreise ‚angeregt‘ werden – halt ein Werk der 60er Jahre. Auch andere philosophische Aspekte werden in Matrix beleuchtet als im Buch, aber insgesamt sind beide für sich selbst stehende Gesamtwerke.
Nichtsdestotrotz kann die Geschichte im Buch gut altern. Sie ist stringent, und in sich schlüssig. Und obwohl der Ich-Erzähler Sinnkrisen und Paranoia durchläuft, kann alles durch die im Buch dargelegten Philosophien überzeugen. Die Sprache ist in Teilen sehr technikaffin, aber im übrigen verständlich. Ein typisches „Männer“-Buch der 60er Jahre, aber tatsächlich mal in halbwegs gut.

Dr. Rami Kaminski – Wie schön es ist, nicht dazugehören zu müssen
Dieses Sachbuch kam vor kurzem raus, heute abgeholt und auch sofort mit Interesse durchgelesen. Die von Dr. Rami Kaminski vorgetragener Persönlichkeitstyp des Otrovertiertem beschreibt einen Menschen, der kein Zugehörigkeitsgefühl entwickelt – ein ewiger Außenseiter, der nicht um Geselligkeit bemüht ist.
Es ist in vier Kapitel unterteilt: 1) Was es bedeutet, nicht dazuzugehören, 2) Eine Welt für Mitläufer gemacht, 3) Was es für Vorteile bringt, ein otrovertierter Mensch zu sein sowie 4) Wie lebt man als otrovertierter Mensch.
Das Buch beschreibt einige Kapitel der Kindheit, der Pubertät und Teenagerzeit als auch im Erwachsenenleben anhand von Fallbeispielen als auch aus der Sicht Dr. Kaminskis, der sich selbst als otrovertiert beschreibt.
Seine beliebtesten Fallbeispiele sind Frida Kahlo and Franz Kafka, die diesem Persönlichkeitstyp hätten. Hier und da streut er auch Emily Dickinson und sogar einmal Albert Einstein ein. Es gibt sogar einen Persönlichkeitstest über 40 Fragen (zu je 1-7 Punkten) im Anhang; ab 188 Punkten gäbe es die Wahrscheinlichkeit diesen Persönlichkeitstyp zu haben.

William Kotzwinkle – Dr. Ratte
Das Buch hat eine sehr intensive Erzählung, mehr noch: sie ist eine Satire voll mit zynischen Kommentaren. Ähnlich wie Farm der Tiere von Orwell hält es der Menschheit einen Spiegel vor, und spart nicht an Kritik. Gerade der Anfang ist schwer verdaulich (die Tierversuche werden anschaulich und ekelhaft beschrieben) und erinnern an Claude Bernard und Josef Mengele. Die Tiere werden immer in der Ich-Form dargestellt (nur die Menschen werden in der dritten Person erwähnt) und in fast schon philosophischer Art und Weise wechseln sich die guten und bösen Absichten im Buch ab, und kommen mit viel Getöse und einem eindringlichen Ergebnis zum Ende.

Ann Leckie – Der Rabengott
Das ungewöhnliche an dem Buch ist die Erzählperspektive im Du. Hier und da wechselt es in die Ich-Perspektive, um auf die Vergangenheit einzugehen, aber insgesamt betrachtet ist es eine geschickte Möglichkeit den omnipräsenten Erzähler zu etablieren. Das interessante ist, das Du ist nicht an die Leser gerichtet, sondern an Eolo, den Protagonisten. Der Sprachstil mag zwar erst mal gewöhnungsbedürftig sein, fügt sich allerdings nahtlos in den Weltenbau ein, so dass er sich sogar darüber hinaus entwickelt. Sehr faszinierend! Auch die Charakterentwicklung ist sehr gut ausgebaut und inhärent sind die Konflikte und Motivationen mit dem Weltenbau verbunden.
Es mag etwas anspruchsvoll für durchschnittliche Leser sein und diejenigen vergraulen, die einfach nur eine Geschichte lesen wollen, aber wer sich darauf einlässt, erhält ein einzigartiges Leseerlebnis mit einer faszinierenden Geschichte.

C.C. Holister – Die Farbe der Knochen von Alpakas am Strand
Dieser leichte Horror-Fantasy-Mix lebt durch die Konflikte zwischen den Charaktern. Es thematisiert primär Mobbing und Ausgrenzung, aber auch Selbstmord. Die Erzählung ist mit Intrigen geladen und sticht wortwörtlich in jede einzelne Schwachstelle der Charaktere, so dass sich die Geschichte schnell aufschaukelt und sich alarmierend entwickelt. Insgesamt durchaus gut, aber leider zerfasert es ein wenig durch die Fülle von Perspektiven ein wenig – es braucht dadurch etwas mehr Zeit, sich ordentlich zu entfalten.

Lars Czekalla – Die Klima-Elfe
Das Buch bezeichnet sich selbst als Fantasy-Satire – ich behaupte es ist erotischer Klamauk (leicht kinky) mit sachdienlichen Hinweisen über Klimapolitik. Während der Autor also in seinen männlichen Fantasien schwelgt, und seine Klima-Elfe ihn durch Behaviorismus (Belohnung & Strafe) fügig macht, ergeben sich fachliche Argumente für und gegen Klima-Politik. So schreitet eine lose Erzählung kapitelweise vorwärts, während er aus Studien und insbesonders aus dem Buch „Das grüne Paradoxon“ von Hans-Werner Sinn (Professor für Volkwirtschaft) zitiert. Ein mehr oder weniger orgiastisches Werk (sic!), in dem das Blut relativ schnell zwischen Denk- und Pumpwerk wechselt – und ich denke, das ist alles, was man über dieses Buch wissen muss.

Michaela Göhr – Dreamer: Andersträumer
Es ist durchaus ein guter Thriller, der an den Fundamenten der Realität wackelt. Die Erzählung ist spannend, der Weltenbau durchaus interessant, und grundsätzlich ist die Struktur gut zu verstehen. Die Sprache bewegt sich durchaus auf hohem Niveau, es gibt jedoch vereinzelte kleine Anhäufungen von Adjektiven oder seltsame Beschreibungen, die wahrscheinlich aber nur aufmerksamen Lesern auffallen werden. Die Charaktere sind mit ihren Hintergrundgeschichten gut designt und können das Konfliktpotential im Buch ausschöpfen.

Lia Nilges – Der Kampf um Frieden
Ich hab keine Ahnung, warum das Lektorat die Autorin so schlecht beraten hat. Die Erzählung leidet nicht nur unter mangelndem Sprachgefühl, sondern auch von unnötigen Dialogen sowie unlogischen Konstrukten. (Bspw wird früh etabliert, dass eine magische Portalreise einfach und unkompliziert ist, aber dann muss tagelang mit einem Pferd zum Ziel geritten werden – weil, das macht man ja so.) Der Roman selbst ist auch noch im Präsens geschrieben, was insbesonders Szenen sehr gestelzt wirken lässt. Plus, eine 08/15 Wiederholung der Rahmenhandlung lässt die Geschichte sehr verarmen. Die Sprache wechselt sich ab von einfachen Sätzen mit „Altherrendeutsch“ von anno dazumal (Bsp. S. 92: „Sofort lupft Sebras eine seiner silbrigen Brauen.“) oder anstatt ‚Seite‘ oder ‚Hüfte‘ zu schreiben wird konsequent ‚Flanke‘ geschrieben. Die Charaktere sind ja irgendwie süß, aber auch ziemlich naiv und können nicht für sich selbst stehen. Es mangelt ihnen an ehrlicher Tiefe und teilweise passieren plötzliche „Ich erkläre dir mal eben deine Welt“-Infodumps. Nach einem Viertel des Buches habe ich in den Schnell-Lesemodus gewechselt und es flott beendet.

Dai Sijie – Der kleine Trommler: Drei chinesische Geschichten
Drei chinesische Kurzgeschichten sind in diesem kleinen Buch enthalten. Alle drei haben gemeinsam, dass sie sowohl sehr verspielt als auch sehr düster sind. Auf der einen Seite wird die Situation sehr eindringlich beschrieben, fast schon wie ein Maler auf schlechtem Drogentrip, auf der anderen wird die Traurigkeit der Situation fast schon kafkaesk in einem anderen Licht beleuchtet, so dass die Geschichte einen bittersüßen Geschmack hinterlässt. Es sind starke Geschichten mit einzigartigen Charakteren, die fast wie UDSSR Literatur wirkt, wäre es nicht chinesisch.

Mira Lindorm – Coralee und der Kanalligator: F.E.U. 10
Die Serie ist leider etwas zu kurz für Charakterisierung und eine tiefere Erzählung, wodurch sie eher durch Stereotype und Standarderzählung lebt, aber sie macht Spaß in ihrer Ausgestaltung. In dem Band vertieft sich ein wenig das Worldbuilding, der Humor hat so seine Blüten und wird wie so oft in der Serie eher zum Klamauk.