Gelesene Bücher Mai 2026
SenLinYu – Alchemised
Dieses Buch wird als Dark Romantasy vermarktet und ja, sie ist ziemlich düster aber auch faschistisch – das muss man klar sagen.
Deswegen empfinde ich es nicht für jeden geeignet, es wird viel vom Krieg, Leid, Faschismus und psychischem Leiden erzählt; das alles zu verdauen is anstrengend.
Es ist schon gut, dass es nicht so viele Infodumps gibt und die Geschichte durch nur eine Hauptprotagonistin erzählt wird. Aber durch die Fülle von Charakteren, die nicht nur detailliert ausgearbeitet wurden, sondern einen festen Platz in der Geschichte einnehmen, werden Informationen erst ziemlich spät und beiläufig enthüllt. Ungewöhnlicherweise ziehen sich so die Informationshäppchen in die Länge, so dass erst um die Hälfte überhaupt erwähnt wird, dass das Land Paladia nach den Paladinen im ersten Nekromantenkrieg benannt wurde. Und überhaupt, erst auf Seite 200 erfährt man nebenbei, dass es nicht der erste Nekromantenkrieg ist. Das ist nicht schlecht, verschleppt aber meiner Meinung nach wichtige Details und Informationen. Die Sprache ist dabei relativ anspruchsvoll. Auf der einen Seite gibt es viele medizinische Begriffe, auf der anderen ist das Worldbuilding ambitioniert aber nicht gut diversifiziert. Bspw hat die Welt zwei Monde (Luna und Lumithia), welche die Gezeiten so stark beeinflussen (ein wichtiger Aspekt in der späteren Geschichte), aber die Planeten haben immer noch unsere weltlichen Namen (Merkur, Venus, etc). Persönlich finde ich das etwas seltsam, so viel Aufwand – und dann doch unsere Planeten?
Auch ließen mich seltsame Formulierungen erstmal laut auflachen.
Beispielsweise S. 712: „So zu schluchzen war nicht einfach, man musst es lange üben.“ oder S. 773 „Als ihr Bewusstsein sie wiederfand, lag sie auf dem Boden.“
Das war mehr in der Mitte der Fall als anderswo, also womöglich eine Blüte bei der Übersetzung. Aber es waren wirklich nur wenige, und die zwei waren schon die zwei Extrembeispiele, die ich mir bewusst aufgeschrieben hatte.
Aber nichtsdestotrotz bleibt die Sprache mit wenigen Ausrutschern auf hohem Niveau.
Insgesamt ist „Alchemised“ ein gelungenes Buch; obwohl es sehr faschistisch ist, kann es klare politische Signale senden, wenn auch erst zum Ende.
S. Dreßler/K.H. Zimmer – Sonnenerwachen
Die Prämisse dieser Anthologie ist: „Wie schaffenes Menschen nach einer weltweiten Katastrophe, sich zusammenzureißen und eine neue Gesellschaft aufzubauen?“
So entstanden 16 Kurzgeschichten, und wie so üblich: manche gut, manche eher durchschnittlich. Gefühlt gab es in jeder einzelnen Story eine Erklärung zum Hintergrund dieser Anthologie, was mich etwas genervt hat.
Gefallen haben mir besonders: „Was ich nicht kenne“ von Artemis Wind, „Das Feuer der Vergangenheit“ von Niklas von Rhein sowie „Doula des Neuanfangs“ von Denise Kalter.
S. Nieder/A. Bottlinger – Planta Nubo
Diese SolarPunk-Anthologie spielt in der Welt „Overgrown“ des Brettspiels „Planta Nubo“, in welchem energiereiche Blumen in wolkigen Gärten in den Baumkronen der Arboren gezüchet werden. Liebenswerte Charaktere, spannende Erzählungen und großartige Ideen formen eine fantastische Zusammenstellung diverser Themen rund um Planta Nubo und Solarpunk! Insgesamt 20 Kurzgeschichten türmen sich darin auf, eine besser als die andere und ich kann nur schwerlich meine Lieblinge benennen. So bleibt mir nur übrig die drei zu nehmen, welche mir am längsten im Gedächtnis blieben: „Baumwarzen“ von Diandra Lindemann, weil dem SolarPunk am nächsten kommt, „Fliegfried“ von Christian Humberg, weil ich es besonders lustig fand und „Hochnase & Betongeist“ von Bernd Perplies, weil ich es am dramatischsten fand.
Martha Wells – Systemkollaps
Die Erzählung selbst hat ein paar strukturelle Schwächen. Es springt etwas hin und her, und die Klammerrede schweift hier und da ein wenig ab. Auch sprachlich gibt es sehr viele Wiederholungen, insbesonders „sagte sie/er“ ist gang und gäbe, was manchmal etwas nervend ist. Wer aber darüber hinweglesen kann, wird am Buch Spaß haben. Die Charaktere sind überwiegend überzeugend, auch wenn sie hier und da ein wenig zu gutgläubig sind, wie Killerbot gern mal anmerkt.
Gabrielle Zevin – Das erstaunliche Leben des A.J. Fikry
Eine großartige Erzählung mit wunderbaren Charakteren und gutem Worldbuilding. Hat genau die richtige Mischung aus glücklich und traurig und gute zitierfähige Sätze fürs echte Leben. Hier und da scheint es, als ob die vierte Wand durchbrochen wird, aber das geschieht so indirekt und sanft, dass ein typischer Leser das wohl kaum bemerkt.
Lese-Empfehlung!
Charles G. Finney – The Circus of Dr Lao
Auch wenn das Buch einige rassistische und klassistische Sprüche bringt, war es amüsant zu lesen. So halb wissenschaftlich, halb fantasymäßig ist es ein wenig chaotisch, auch wenn die humoristische Ader eher Schenkelklopfer bringt. Die Charaktere sind jetzt nicht die tiefsinnigsten Wesen, aber in dem Kontext durchaus überzeugend. Das Buch selbst bringt eher Infodumps und erfreut sich eher im beschreibenden Größenwahn, was mich dann doch schmunzeln ließ.
Anna Gasthauser – Liz in hell
Der Momentum der Geschichte wird zwar hier und da ein wenig konserviert, aber auch schnell in Energie umgewandelt. So kommt die Erzählung schnell auf den Punkt und setzt gut pointiert den Humor. Auch wenn die Hölle zwar ein klischeehaftes Bild gibt, hat die Erzählung eigene Akzente, die das Leben darin einzigartig macht und überzeugt. Die Hauptprotagonistin ist gut ausgearbeitet und überzeugend dargestellt. Auch die anderen Charaktere sind nicht einfach nur Statisten, sondern haben einen tieferen Sinn. So macht es Spaß, der Erzählung und den Protagonisten zu folgen.
Lese-Empfehlung!
Kira Gembri – Wovon du träumst
Ein wenig musste ich in dieser Liebesgeschichte auch an „Vielleicht passiert ein Wunder“ von Sara Barnard denken. Die Erzählung ist gut durchdacht und recherchiert, auch wenn der Verlauf und das Ende schnell relativ klar ist. Besonders gut gelungen finde ich die charakterliche Ausgestaltung von Nik und Emilia, grundverschieden und doch mit vielen Gemeinsamkeiten. Das Buch beschreibt auch gut die Denkfehler und Vorurteile von Menschen, die nicht verstehen, wie sie andere Menschen nur aufgrund einer Sprachbarriere systematisch ausgrenzen – in diesem Fall von Menschen ohne Gehör. Die Erzählung wechselt – wie in einem typischen Liebesroman – zwischen Nick und Emilia, die nicht anders behandelt werden will wie andere Menschen. Ein kraftvolles Buch, das die Wände zwischen den Menschen einreißt und dabei eine Liebesgeschichte erzählt.
Lese-Empfehlung!
Josephine W. Johnson – Die Novemberschwestern
Die Passivität im Buch ist ein einziger Widerstand beim Lesen, die Indirektheit, die Nichtbetroffensein-Skala im Leben der Hoffnung. Die Erzählung ist sehr gut, die kapitelweise Bestürzung eskaliert weiter und weiter und die poetische Stille zwischen den Sätzen entweicht zwischen den Seiten fast schon wie ein Flüstern – wie ein Fluchen zusammengebissener Zähne. Es ist fast schon packend, wie die Schicksale von fünf Personen in 220 Seiten zusammengepresst werden und gleichzeitig noch die poetische Kraft der Natur die Seiten glätten wie zerlaufene Butter auf einem Krusten Brot. Insgesamt ein machtvolles Buch, rein und unverbraucht auf der einen Seite, schmutzig und gelebt auf der anderen – wie eine Münze, die sich ewig dreht und nicht entscheiden kann, auf welche Seite sie fällt, beschreibt das Buch ein Leben der Realität der 1930er Jahre, mit dem Blick auf die Hoffnung zu leben.
Lese-Empfehlung!
Marie Meier – Seelengrube
Die Erzählung ist gut strukturiert und hat einen großartigen Weltenbau. Insgesamt ist alles gut durchdacht, auch wenn manche Überraschung zumindest für mich keine war. Die Charaktere passen relativ gut in die Welt und finden relativ flott ihren eigenen Ausdruck und Platz. Es gibt ein paar unerwartete Ereignisse, aber insgesamt folgt es einer typischen Heldenreise eines Underdogs – sorry: einer Underkitten.
Zum Ende hin verraten leider ein paar Facetten des Worldbuildings bereits das ultimative Ende des Mehrteilers, und damit meine ich nicht den Höhepunkt der letzten zwei Kapitel.
Lesenswert!