Das Wichtelpaket – eine Kurzgeschichte

Posted by Björn on 1st Dezember 2018 in Allgemein, Buch

Ich habe heute auch mein Paket von der örtlichen Paket-Adoptionsstelle abgeholt. Es schmiegte sich an mich, wie eine verliebte Katze, so freute es sich, endlich in meinen Armen zu liegen. Denn stellt euch vor, ihr habt ein kleines Heim für Pakete in einer Packstation eingerichtet, und dann kommt es nicht hinein. In meiner Phantasie sieht es so aus: Es mag zwar karg sein, es gibt weder Toilette noch ein Bett da drin, aber es ist ja auch für Pakete gemacht! Das Paket kann ja im dunkeln sehen, wie man bekanntlich weiß. Das gilt zwar nicht für Menschen, die gerne auch mal im dunkeln über Pakete stolpern können, aber nur weil sie die „Vorsicht!“-Schreie der Pakete nicht hören. Aber reden wir von der Packstation, denn das ist ein kleines Wimmelheim mit Paketen, die genau wissen, dass ihr Papa oder ihre Mama sehr bald vorbei kommt und sie abholt. Pakete sind zart besaitete Geschöpfe und lassen überall, wenn sie mal eine zeitlang stehen ihre Gedanken im Raum. So habe ich schon die Gedankenmuster von einigen Paketen in diesen kleinen vier Wänden entdeckt, die das Zuhause von Paketen waren: Von einfachem Wunsch „Aloha, ʻOʻoe koʻu makuakāne?“ (1) bis zum „Qwertee was here“ (2). Oder ein „ich bin das Abenteuer“ und sogar einmal „ich bin glücklich dich zu haben“. Aber ich als Mensch kann sie eigentlich gar nicht wahrnehmen, denn das ist der Paketwelt vorbehalten. Es ist meine Phantasie und hier geschieht es so. Die Pakete fühlen sich pudelwohl, wenn sie dort eingelagert werden. Zugegeben, natürlich muss sich so ein Wimmelheim erst mal ‚einwohnen‘, denn die Gedankemuster sind nicht einfach da, aber die Pakete machen sich mit der Zeit ein gemeinsames Zuhause, in dem gesungen und gespielt wird, bis der Papa oder die Mama kommt und sie endgültig abholt. Es ist wahrlich ein Ort der positiven und optimistischen Gedanken, in denen die Pakete ihre Gedankenwelt hinterlassen und so auch ihren Nachfolgern etwas zum Wohlfühlen da lassen!

Und dann…. gibt es den Paketzusteller. Er oder sie ist abgehetzt, für ihn oder sie sind die Pakete nur rechteckige Behälter, die rechtzeitig zu einer Person kommen müssen. So viel Druck vom Chef, so viel Druck die Tour rechtzeitig durchzufahren! Ein Knochenjob, den nicht jeder gern macht. Aber er oder sie ist mit der Zeit resistent gegen die mühevoll eingepackten Pakete geworden. Egal ob es von einer Großmutter oder einem Kind eingepackt worden ist, es wird nicht unterschieden – alle Pakete werden assimiliert, gleichgemacht, und nur die wenigsten Leute zollen dem Paketzusteller Respekt für seine unermüdliche Arbeit, die Pakete zu ihren Empfänger zu bringen. Wie gesagt, eine stressvolle Arbeit, und sie versuchen wirklich das beste, aber leider oft auch zur falschen Zeit, denn viele Menschen sind auf der Arbeit, wenn Pakete zugestellt werden sollen. Deswegen gibt es die Wichtelheime. Und wenn das mal voll wird, werden die Pakete in die Adoptionsstelle gegeben, in der Hoffnung, dass der Empfänger in den nächsten Werktagen vorbei kommen kann.

Stellt euch weiterhin vor, ihr seid das Paket!

Ihr wurdet liebevoll eingepackt und das Elter erzählt euch, wie wichtig ihr seid:

„Hallo Paketchen, hier schau mal: Das Buch hier, ‚Ready Player One‘ von Ernest Cline, habe ich für mein Wichtelkind gekauft, das fand ich sehr toll und es liegt auf seiner Wunschliste. Da musste ich es ja kaufen. Ich finde ja dieses Weihnachtsgeschenkpapier toll, magst du es auch?“

Und ihr versucht kräftig zu nicken.

„Mein Wichtelkind will ja nicht viel, hier ein paar Nüsse – es liebt Nüsse, weißt du?“

Ein fragendes Gesicht, was wohl Nüsse seien.

„Und ein wenig Lakritzschnecken, die wird er auf jeden Fall mögen, wenn er das in seinem Profil listet.“

Ein zurückwiegendes Gesicht, so viele Eindrücke zum Verarbeiten.

„Und schau mal: Edelbitter Schokolade mit 85% Kakaoanteil und Pfefferminztee, den mag er besonders gern.“

Ein verdutztes Gesicht, du verstehst ‚mag er besonders gern‘ aber weisst nicht, was das für Gegenstände sind. Naja, du bist ja nur ein Paket und wirst gerade mit positiven Emotionen aufgeladen, das magst du und willst es dem Empfänger natürlich weitergeben!

„Ich habe sogar eine schöne Karte und ein selbstgemachtes Lesezeichen dazugelegt! Schau mal auf der einen Seite steht ‚Saving Progress‘ auf der anderen ‚To be continued… Y/N‘ . Ich finde das eine tolle Idee, das wird ihn bestimmt freuen!“

Und du freust dich mit, denn du bist das Paket, und du willst diese Freude transportieren!

„So, jetzt mach ich dich zu, denn das ist alles, was ich dazu gebe.“

Eine wohlige Wärme legt sich um deinen Leib, denn auf der einen Seite weisst du nun, du bist vollständig, und auf der anderen Seite ist das Klebeband ein tolles Gefühl, was dir deine endgültige Form gibt.

Deine Aufgabe: Die positiven Gefühle übermitteln!

Und die Reise geht los.

Über Stock und Stein, zusammen mit den anderen Paketen anderer Personen und ihr unterhaltet euch im LKW oder im Flugzeug oder im Zug über eure Elter. Natürlich gibt es auch Pakete, die behaupten, Roboter hätten sie mit den Worten „Mache deinen Empfänger glücklich!“ eingepackt, aber die werden ein wenig belächelt und ein wenig von den anderen Paketen ‚aufgeladen‘, so dass selbst die Roboterpäckchen ein wenig Freude versprühen können! Pakete sind halt Herdentiere, auch wenn sie einzeln verpackt werden. Jetzt wisst ihr auch, warum Päckchen von Amazon und so auch glücklich machen! Gefühle teilen ist immer noch das beste und sie werden deswegen nicht weniger!

Aber, nun geschieht am Wimmelheim das Schreckliche:

Der Paketzusteller findet keinen Platz mehr für das Paket.

Wenn es ein gewissenhafter Paketzusteller ist, nimmt er die restlichen Pakete nochmal in den Arm und entschuldigt sich.

„Ich bringe euch in das nächste Adoptionsheim, und hoffe euer Papa oder eure Mama wird euch noch rechtzeitig abholen!“

Eine Welle der Entrüstung durchzieht die Pakete, die nicht in das Wimmelheim dürfen, weil sie nicht mehr hinein passen. Aber was bleibt ihnen übrig? Sie wollen unbedingt zu ihrer Mama oder Papa. Also werden sie für eine bestimmte Zeit dort hinterlegt, und wie schlimm ist es, immer wieder jemanden in diesen „Shop“ gehen zu sehen und die Pakete rufen fast gleichzeitig „Mama??!“, wenn es eine Dame ist oder ein „Papa??!“, wenn es ein Herr ist. Und nach und nach kommt immer wieder die Enttäuschung. Nein, es war nicht ihre Mama oder ihr Papa. Es sind nicht viele Pakete, wie sie in ein Wimmelheim passen und so gibt es immer mehr Platz um sie herum, und wer es noch nicht wusste, Pakete haben grundsätzlich Agoraphobie. Das ist die Angst vor Menschenmengen („Wer ist denn nun meine Mama??“), vor öffentlichen Plätzen (weit und breit keine weiteren Pakete, das ist doch einfach unheimlich!) und das Reisen alleine (erinnert euch, Pakete sind Herdentiere!)

Wohin sollen sie ihre Gedanken versprühen? Oft übereinanderliegend und sich ängstlich fragend, ob und wann endlich ihr angestammte Mutter oder Vater kommt, sitzen sie in einer Ecke und sind traurig, denn immer wenn jemand reinkommt, der etwas abholt, werden sie weniger. Die Pakete, die hereinkommen, werden ganz woanders gelagert und dürfen nicht zu ihnen. So schrecklich, so ein Adoptionsheim! Es ist ein trauriger Ort, auch wenn der ältere Herr, der den „Shop“ betreibt bestimmt jedesmal, wenn er rein kommt und ein oder zwei Pakete mitnimmt zu den restlichen sagt: „Seid euch sicher, ihr werdet auch bald abgeholt!“

Es sind verzweifelte, verwirrte Pakete, die dort quasi liegen und erwartungsvoll auf den Augenblick der Abholung warten.

Und dann kam ich dort heute rein (ich wollte am liebsten alle mitnehmen, so viel Mitleid hatte ich) aber ich durfte nur nach Vorzeigen meines Personalausweises mein eigenes Paket mitnehmen, und wie oben schon geschrieben hat es mir sehr viel Freude, Liebe und Herzenswärme mitgegeben! Ich danke hier meiner Wichtelmama für das schöne Paket!

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